Friederike Rie

Friederike Rie, geborene Friedmann, kam am 4. Oktober 1879 im ungarischen Györ zur Welt und starb 1938
durch eigene Hand. Ihr Vater Eduard Friedmann (1853-1924) war Kommerzialrat und Silberschmied. Als
ambitionierter junger Mann gründete er 1877 eine eigene Firma, die 1881 in Wien den Gewerbeschein erhielt.
Die zunehmende Expansion des Unternehmens machte hier mehrere Umzüge notwendig. Ab 1903 war Eduard
Friedmann mit seiner Werkstatt in der Gumpendorferstraße 130 angesiedelt, 1914 bezahlte er 36 Beschäftigte.
Der Erfolgreiche kooperierte mit zahlreichen Künstlern des Jugendstils. Seine Produkte waren derartig
beeindruckend, dass er 1910 anlässlich seiner Beteiligung bei einer Ausstellung sogar dem Kaiser
höchstpersönlich vorgestellt wurde. 1920 wurde die Silberwarenfabrik Eduard Friedmann geschlossen,
ihre Erzeugnisse besitzen seither Sammlerwert und erreichen bei Auktionen hohe Summen.
Der aufstrebende Unternehmer wurde 1888 als Freimaurer in die Grenzloge Columbus zum Weltmeer aufgenommen
und wechselte 1898 in die Grenzloge Schiller. Seine Ehefrau Malvine Bauer (1856-1899) war eine gebürtige
Tschechin. Friederike Rie wuchs als Älteste zusammen mit Bruder Paul (1891-1909) und Schwester Elsa
(1882-1984) in einem kunstsinnigen jüdischen Elternhaus der pulsierenden Wiener Moderne auf, in dem
auch das soziale Engagement eine wichtige Rolle spielte. Doch 1899 traf eine Tragödie die Familie,
als ihre Mutter mit nur 43 Jahren verstarb. Über die Ausbildung der Tochter ist derzeit nichts bekannt.
1904 erfolgte die Trauung Friederikes mit Emil Rie (1872-1938). 1909, nur fünf Jahre später riss ein
plötzlicher Tod den Bruder aus dem Leben. Emil Ries Wurzeln lagen, wie jene der Schwiegereltern,
ebenfalls im ungarischen Kronland. Er wurde am 14. August 1872 in Pest in eine jüdische Familie
geboren. Nach Wien zugezogen arbeitete er als Oberprokurist im Wiener Bankverein. Unter den 14 im
Jahre 1888 in Wien tätigen Banken nahm der Bankverein bezüglich Kapitalisierung den vierten Platz ein.
Im Gründungsgeschäft aktiv galt er mit seinen Werken und der Finanzierung der ungarischen Eisenindustrie
als dominierend. 1934 fusionierte der Bankverein mit der Creditanstalt. Seit 1903 war Emil Rie, ebenso
wie sein erfolgreicher Schwiegervater, Freimaurer und Mitglied in der rein männlichen Grenzloge Goethe,
1926 verließ er die Israelitische Kultusgemeinde .
1905 brachte Friederike Rie ihre Tochter Alice auf die Welt. Mutter Friederike Rie, die ebenfalls aus der
Israelitischen Kulturgemeinde ausgetreten war, wurde 1929 in die Loge Vertrauen der gemischten
Freimaurerei des Le Droit Humain aufgenommen. Emil Rie besuchte hier regelmäßig die Zusammenkünfte
seiner Frau. Das Paar lebte gut bürgerlich in der Hamburgerstraße 14 von Wien Margareten und fuhr gerne
auf Sommerfrische. Als Ziel wählte es Bad Ischl oder die mondäne Insel Brioni, wo man die Hautevolée der
Habsburgermonarchie treffen konnte. Der persönlichen Ethik, der jüdischen Herkunft und den
freimaurerischen Grundlagen entsprechend gab man sich immer wieder sozial engagiert. So spendete
Emil Rie 1919 für das Haus des Kindes, einer Institution, die von dem freimaurerischen Verein Bereitschaft
unterstützt wurde.
Doch die Zeiten waren nach dem Bürgerkrieg von 1934 für das Paar durch seine Mitgliedschaft in der
Freimaurerei äußerst ungünstig. Der autokratische Ständestaat hatte sowohl die Todesstrafe als auch
die Zensur eingeführt und betrieb ein perfides Bespitzelungssystem. Die Logen mussten, da sie als
Verein eingetragen waren, nun ihre Treffen melden. Sie wurden wegen des Verdachtes linksgerichteter
Umtriebe überwacht und fanden daher immer wieder in den privaten Räumlichkeiten des Ehepaars Rie statt.
Diese wurden regelmäßig beschattet. Da keine behördliche Anzeige erfolgte, kam es 1936 zu genaueren
Erhebungen. Im folgenden Polizeibericht hieß es: „Nach dem vorliegenden Erhebungsergebnis kann in den
Zusammenkünften in der Wohnung des Ehepaares Rie, V. Hamburgerstr. Nr. 14, ein strafbarer Tatbestand
nach dem Vereinsgesetz nicht erblickt werden. Sie sind als gesellige Mitgliederzusammenkünfte in bestimmter
Absicht (musizieren, Unterhaltung etc.) mit geladenen Gästen zu qualifizieren, die nicht unter den
Versammlungsbegriff im Sinne des Vereinsgesetzes fallen, wie z. B. Gesangsübungen der Mitglieder eines
Gesangsvereines, Tanzabende von Mitgliedern eines Vereines etc. Anzeigepflichtige Vereinsversammlungen
sind Zusammenkünfte in welchen unter Leitung eines Vorsitzenden Vereinsbeschlüsse gefasst,
Vereinsangelegenheiten erörtert werden oder sonstige „Verhandlungen“ in Vereinsangelegenheiten stattfinden.“
Obwohl es offensichtlich keinen wirklichen Strafanlass gab wurde das Ehepaar weiter polizeilich beschattet.
Als es 1936 einen Wohnungswechsel vollzog und nun in Untermiete in einer Villa in der Felix-Mottl-Straße
18 wohnte, setzte sich auch hier der Beobachtungsterror fort. Im Polizeiakt wurde in diesem Jahr zudem
eine Reise von Emil Rie nach Palästina vermerkt. Anscheinend sondierte er die Möglichkeiten für eine
Auswanderung, denn die Lage in Wien spitzte sich zu. Das Paar lebte unter ständiger Angst. Als es
1938 zum Verbot und der Aufhebung aller Vereine kam, wurde Emil Rie (er fungierte als Schatzmeister
seiner Loge) verhaftet. Als solcher war er im Vereinsregister eingetragen und daher leicht aufzuspüren.
Man unterzog ihn zahlreicher Verhöre, bei denen man ihm zur Zahlung der Reichsfluchtsteuer und der
Ausreise nötigte. Am 29. Juni 1938 erfolgte seine erzwungene Vermögensanmeldung. Aus ihr geht hervor,
dass er weder Aktien noch Sparguthaben oder Schmuck besaß, alleine seit 1933 über eine jährliche
Rente von 4.167 RM verfügte. Der Akt wurde mit der Notiz seiner Ausreise nach Brünn am 19. Dezember
1938 geschlossen. Die Demütigungen und der Druck erschienen dem Ehepaar jedoch unerträglich. Noch
im gleichen Jahr begingen sie den gemeinsamen Suizid.
Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich
Link:
Friederike Rie auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI
zurück zur Galerie der Erinnerung